28.08.2003 Illusion und Wirklichkeit

Im Kickerjahresheft 2002 ist nachzulesen:

"Der VfB wird hart kämpfen müssen, um sich im mittleren Tabellendrittel festzusetzen." Die Rede ist vom VfB Stuttgart. Der wurde in der Folge Vizemeister.
Nun muss man den Kickerredakteuren zugute halten, diese Aussagen vor der Saison getroffen zu haben und in der Regel mit ihren Prognosen recht gut zu liegen. Das Abschneiden der Stuttgarter war wohl für die meisten von uns eine Überraschung. Außer für VfB-Fans vielleicht.

Am Beginn dieser Saison wurden auch wieder Prognosen ausgegeben. Zum Beispiel die des Noch-HSV-Trainers Kurt Jara. Er proklamierte: "Wo ich bin, ist der Erfolg." Der Saisonverlauf bestätigt das bisher nur für die jeweiligen Gegner. Vier Spiele, ein Punkt. So kann man sich täuschen.

Aber auch retrospektiv kann man mit seinen Einschätzungen ziemlich daneben liegen:
"Ich wollte ihn nicht verletzen. Mir war aber schon beim Herauslaufen klar: Entweder ich treffe den Ball oder ich fliege vom Platz." sagte Tim Wiese, nachdem sein Versuch den Kölner Voronin direkt in die Reha-Klinik zu treten, nur an dessen vorausschauendem Rettungssprung gescheitert war. Richtig hätte es wohl heißen müssen:
"Ich habe alles in Kauf genommen. Mir war schon beim herauslaufen klar: Entweder ich treffe den Ball oder ich brech' ihm die Knochen." Oder beides!
Vielleicht sollte man Herrn Wiese mal darüber aufklären, dass er, selbst wenn er den Ball getroffen hätte, vom Platz gehört hätte. Die Stammtischweisheit, dass das Treffen des Balles gleichbedeutend mit einer fairen Aktion sei, ist offenbar selbst bei den Betroffenen nur schwer auszuräumen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass man den Ball treffen kann und dabei schwere Verletzungen der Gegenspieler, die nun mal auch Kollegen sind, billigend in Kauf nehmen kann.

Fast bemitleidenswert ist immer die gleiche Geste der zurückgepfiffenen Spieler, die in Ermangelung an einer gemeinsamen Sprache mit dem Schiedsrichter mit beiden Händen einen Kreis in die Luft malen. Im internationalen Datensatz der Fußballgesten heißt das übersetzt das gleiche, was in jedem Kreisligaspiel mehrfach und empört über den Platz gebrüllt wird: "Ball gespielt." Als würde das ein Foul ausschließen oder entschuldigen.

Nun kann man die Aussage Wieses natürlich verstehen und er ist ja keine Ausnahme. Wer möchte schon als brutaler Treter dastehen. So ist jeder Spieler bemüht seine harten Fouls post hoc noch zu rechtfertigen, und wenn es nur geschieht, um die Rotsperre des DFB möglichst kurz und den Verdienstausfall möglichst klein zu halten. So werden auch die übelsten Fouls im Rückblich verzeihliche Missverständnisse. "Ich wollte den Ball treffen, aber der Ball war nicht da." sagte mal Anthony Yeboah, nachdem er nachgetreten hatte. Wenig glaubwürdig, aber wenigstens unterhaltsam.

Versteht mich nicht falsch. Es geht nicht gegen Wiese. Er ist sicherlich kein brutalerer oder unsportlicherer Spieler als der Bundesligadurchschnitt. Sein Fall ist halt der aktuellste. Ich finde es nur bedenklich, wie wenig Rücksicht auf die körperliche Unversehrtheit der Kollegen genommen wird und wie dann solche Aktionen im nachhinein verharmlost werden.

Schiedsrichter Volker Roth verlangte für die aktuelle Saison mehr rote Karten. Das scheint mir auch im Hinblick auf einige Aktionen am Ende der letzen Saison (der Ellenbogencheck von Hollerbach sei nur exemplarisch genannt) sinnvoll. Ebenso wie Rotsperren für Aktionen, die der Schiedsrichter nicht gesehen hat. Nur so kann man den Spielern die Relation zwischen gesunder Härte und Brutalität klar machen. Der Fall Wiese wäre ein geeignetes Beispiel gewesen.

Bei der ganzen opportunistischen Lügerei der Spieler lobe ich mir doch die naive Ehrlichkeit eines Pierre Litbarski. Der antwortete, befragt, ob es sich bei seiner Schwalbe, die zum Elfmeter führte, um ein Foul gehandelt habe: Da muss ich erst mal die Fernsehbilder abwarten.