03.06.2003 Zaphods Saisonnachlese
17:23 Uhr, nun ist sie zu Ende, die Saison 2002/2003. War da was? Berauschend war es wohl für keinen. Die Bayern sind Meister. Das haut ja inzwischen auch keinen Eskimo mehr vom Schlitten. Da muss schon mehr kommen. Cottbus ist nach jahrelangen und händeringenden Versuchen eine gewisse Bundesligatauglichkeit zu vermitteln endlich abgestiegen. Wer wird sie vermissen? Fußballästheten sicherlich nicht. Nachdem die Nürnberger schon 1987 den Titel des Rekordmeisters abgeben mussten, haben sie sich wohl den des Rekordaufsteigers auf die Fahnen geschrieben. Bedauerlicherweise muss man dazu aber auch den Titel den Rekordabsteigers in Kauf nehmen. Zumindest diesen Titel teilen sie sich jetzt mit Bielefeld, die ja nun ebenfalls die Erstligalizenz blank geschmissen haben. Die müssen wohl immer absteigen, wenn man es eigentlich anderen gönnen würde. Nichts Neues also.
Ebenfalls nicht neu ist die Tatsache, dass neue Besen nicht immer gut kehren. Im Fall von Hörster war wohl seine beste Aktion die, sich mit ungeschickten Äußerungen selbst zu entsorgen und dafür zu sorgen, dass aus ihm wohl nie mehr ein Bundesligatrainer wird. Beste Voraussetzungen für einen wichtige Posten beim DFB übrigens.
Nun ist "Auge" Augenthaler der Retter, an den sich alle Präsidenten erinnern werden, wenn es wieder mal darum geht, den sportlichen Misserfolg an einer Person festzumachen und den aktuellen Trainer auf einem verfügbaren Weltmeer zu verklappen. Nur ist Augenthaler die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Weder Röber noch Götz haben als neue Trainer Bäume ausgerissen. Mit Wilmots und Hörster wurden die Mannschaften sogar eher schlechter als besser. Da mutet es als wohltuende Ironie an, dass der Trainer, der in Nürnberg gegen den Willen von Fans und Mannschaft entlassen wurde, weil man glaubte, er sei für einen möglichen Abstieg verantwortlich, am Ende den letzten Tritt in die zweite Liga verpassen durfte. Werden die Präsidenten daraus lernen? Wohl kaum!
Was haben wir also Neues gelernt an den letzten 34 Spieltagen? Beispielsweise, dass sich Fußball nicht mehr wie bisher vermarkten lässt. Die Folgen sind in Deutschland zwar nicht so gravierend wie im südeuropäischen Ausland, wo halbe Ligen von der Pleite bedroht sind. In Deutschland zeichnet sich aber immer mehr ein hausgemachtes Problem ab. Wenn die zu Recht vollen Geldbeutel eines einzelnen Vereins in erster Linie dazu genutzt werden, die Ligakonkurrenten zu schwächen und erst in zweiter Linie, um sich selbst zu stärken, lassen die Folgen nicht lange auf sich warten: Ein breites Mittelmaß und Weltklassespieler, die sich daran gewöhnen bei ran nur in Straßenklamotten beim Bejubeln der Tore ihrer Mitspieler gezeigt zu werden. Die Spieler selbst sind da sicherlich nicht ganz unschuldig. Kann man Mitleid mit Leuten wie Ze Roberto haben, der sich von den Bayern ködern lässt, obwohl das kreative Mittelfeld mit Ballack, Scholl, Jeremies und Deisler bereits aus allen Nähten platzt? Unvergessen bleibt dabei die Antwort des damaligen Bremers Rudi Völler auf eine Anfrage der Bayern: "Eher lasse ich mir die Hand abhacken!"
Diese Transferpolitik der Bayern ist kurzfristig sicherlich für immer neue Titel und Pokale gut. Der Reiz, den die Liga aus einem Kampf um die Meisterschaft erfährt, geht aber verloren. Da kann Sat1 noch so sehr die Spannung des Abstiegskampfs oder den Kampf um die international relevanten Plätze preisen, als sei das ein Alternativprogramm zum Kampf um die Meisterschaft. In den Jahren als die Meisterschaft noch am letzten Tag entschieden wurde, bekamen wir den Kampf um die Plätze als Zugabe!
Wenig überraschend ist dabei das schrittweise Vorwagen der Bayern in Richtung Einzelvermarktung, aber möglicherweise auch für den Meister der falsche Weg. Ohne Konkurrenz ist auch die erfolgreichste Mannschaft nicht zu vermarkten. Zu verkaufen wären dann ohnehin nur noch die internationalen Spiele und hier hat der Ligaprimus in diesem Jahr auch nur Hausmannskost geboten.
Das hat wohl auch Uli Hoeneß erkannt und staatliche Subventionen für finanziell angeschlagene Vereine gefordert. Staatliche Subventionen? Das klingt ja als bitte ein Bettler einen Obdachlosen um Almosen. Hoeneß hat nach eigenem Bekunden auch "kein schlechtes Gewissen, wenn der FC Bayern subventioniert würde, obwohl wir das überhaupt nicht anstreben." Nun, schlechtes Gewissen war bei Hoeneß immer schon ähnlich schlecht ausgeprägt wie guter Stil. Dabei gab es auch nach 1976 immer wieder ausreichend Grund für ein schlechtes Gewissen, wenn man nur an die Daum- oder Kirch-Affären denkt.
Als Fazit bleibt die Hoffnung auf zwei Ereignisse für die Sommerpause:
Erstens könnte der finanzielle GAU, der einigen der besten Mannschaften Europas droht, zur Folge haben, dass gute Spieler für wenig Geld in der Bundesliga anheuern. Die Bayern sind zwar in der Lage, Deutschland leer zu kaufen, für Europa gilt das aber offenbar noch nicht. Hier läge also ein Weg, auf dem die Konkurrenten tatsächlich wieder konkurrenzfähig werden könnten.
Zweitens könnten die geringeren Gelder, die Sender für die Bundesliga zu bezahlen bereit sind, zur Reanimation der Sportschau führen, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender wieder die Bundesliga zeigen. Nostalgie ist doch gerade schwer im Kommen. Der ARD fehlt es zwar weitgehend an Moderatoren vom Schlage eines Wontorra oder Welke, dafür müssen wir dann aber nicht mehr zwei Minuten Fußball mit einer Minute Werbung bezahlen und blieben vor Stellungnahmen von Paule "Afro" Breitner und Interviews mit Altnationalspielern und Jungschriftstellern verschont. Und das Tor den Monats bekommt auch wieder den Stellenwert, den es verdient!
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